2013.10 Die tiefe Schuld der Schiiten.

Es ist 10 Uhr. Wir erreichen Asia, einen kleinen 3000-Seelen-Ort, 80 Kilometer östlich von Isfahan. Hier werden wir Hessan treffen, mit dem ich über einen Freund via Facebook verbunden bin und der uns bezüglich der Fluggenehmigung behilflich sein würde. Er ist bei der Armee und genießt die entsprechenden Verbindungen. Gerade im Iran sind Beziehungen von großem Vorteil.

Wir waren mit meinem Expeditionsmobil in den Iran gekommen, um das Land unabhängig zu bereisen. Vor  allem aber wollten wir in der Wüste Dasht-e Lut die sogenannten Kaluts, die einzigartigen Gesteinsformationen, die sich über eine Länge von über 200 Kilometer und einer Breite von zirka 50 Kilometer erstrecken, aus der Luft fotografieren. Zu diesem Zweck hatten wir ein Motorschirmtrike in unserem Offroad Truck mit dabei.

Die Telefonnummer von Hessan habe ich bereits auf dem Handy von meinem Freund Ario eingespeichert, das er uns für die Dauer der Reise zur Verfügung gestellt hatte. Einen Tastendruck und zwei Klingeltöne weiter meldet sich auch schon Hessan. Im Hintergrund unsäglicher Lärm, einem Gemisch aus orientalischer Musik durchwirkt mit schrillem Geschrei. "I am at an Islamic custom, I call you back in 5 minutes." Ich komme gar nicht dazu zu antworten. Das Gespräch ist unterbrochen. Was das wohl zu bedeuten hat 'an Islamic custom'!?

Tatsächlich dauert es nicht lange und Hessan ruft zurück. Jetzt musste ich ihm nur noch klar machen wo genau wir wären. Ich schnappe mir dazu einen gerade vorbeikommenden Passanten und drücke ihm mein Handy in die Hand. Wenn ein Iraner ein Handy ans Ohr bekommt, läuft alles wie von selbst. Die beiden mussten sich kennen, denn jetzt war erst einmal Diskussion angesagt. Sekunden später sind bereits einige weitere Passanten auf die Situation aufmerksam geworden und es entsteht eine muntere Diskussionsrunde. Dabei sollte der gute Mann nur unserem Hessan klar machen, wo im Ort wir uns befänden, so dass er uns von dort abholen konnte. Fünfzehn Minuten später ist alles klar und Hessan wird uns hier abholen. Mein Handy hatte ich auch wieder.

Zwei Minuten später: wir sollten nun jetzt dem Motorradfahrer folgen. Nach einigem Gekurve treffen wir Hessan mitten in einem Kreisverkehr und dort begrüßen wir uns dann auch ausgiebig. Nice to meet you, do you like Iran, you have to come to my house have dinner. Es kostete uns einige Zeit um Hessan klar zu machen, dass wir in unserem Truck übernachten würden und nicht, wie angeboten, in seinem Haus. Völliges Unverständnis zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Erst, als wir ihm unsere konfortable Wohnkabine zeigen, willigt er ein und wir verabreden uns zu einem gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen in unserem Truck. Wir vereinbaren 7 Uhr.

Kaum zu glauben, aber pünktlich um 7 Uhr klopft es am nächsten Morgen an der Tür unseres Fahrzeuges. Hessan war nicht alleine – seine Frau und sein Schwager waren mit dabei, voll bepackt mit iranischen Köstlichkeiten. Darunter eine genussfertige Suppe vom Lamm, die nur noch erhitzt werden musste. Mit dem ersten Blick auf talergrosse, goldgelbe Fettaugen ist sie für mitteleuropäische Gemüter schon optisch eine Herausforderung. Aber zugegeben: sie schmeckt hervorragend mit bestem Lammfleisch.

Noch bevor die Schüssel leer ist, lenke ich das Thema auf unser Flugvorhaben. Hessan ist nicht zu bewegen: „We have Islamic custom – no permission today. You have to come to Islamic custom.“ Inzwischen war mir natürlich klar, was er mit ‘Islamic custom’ meinte. Wir trafen genau zum höchsten schiitischen Feiertag hier am Ort ein. Es wäre wohl vergleichbar mit einer benötigten Fluggehmigung zum Überflug über den Münchener Stadtpark an Ostersonntag bei uns zuhause in Deutschland. Zeit hatten wir ja ausreichend. Zudem war es für uns eine einmalige Gelegenheit, diese Feiertage hautnah mit den streng gläubigen Einwohnern dieses kleinen Ortes mitzuerleben.

Zum Hintergrund der Fest-, beziehungweise Trauertage der moslimischen Glaubensgemeinschaft der Schiiten:

Als Mohamad 632 starb, hinterließ er keine Bestimmung zu seiner Nachfolge (obwohl die Schiiten das Gegenteil behaupten). Ein naheliegender Nachfolger wäre Ali ibn Abi Talib gewesen, der Schwiegersohn von Mohamad, verheiratet mit dessen Tochter Fatima. Ali konnte sich aber gegen Mohamads langjährige Kampfgefährten nicht durchsetzen und so wurde Abu Bakr, Schwiegervater und enger Freund Mohamads, zum ersten Kalifen gewählt. Auch die nachfolgenden Kalifen Umar und Uthman waren enge Gefährten Mohamads. Erst nach dem Tod von Uthman konnte sich Ali ibn Abi Talib durchsetzen und wurde schließlich zum Kalifen gewählt. Zwischenzeitlich, während der kurzen Amtszeiten der drei Kalifen, haben sich aber bereits zwei Lager gebildet: die Anhänger der Gefährten Mohamads und die sogenannte Schit Ali (Partei Alis), den Anhänger Alis.

Ali war nicht mehr von allen Moslems als Kalif anerkannt. Sein Gegenspieler und Gouverneur von Syrien Muawiya, ein Verwandter des Kalifen Uthman, ließ sich schlichtweg in Jerusalem zum Kalifen ausrufen und wurde auch weitgehend anerkannt. Damit sollte die Spaltung der islamischen Großgemeinde (Umma) in Schiiten und Suniten endgültig vollzogen sein.

Nach Alis Tod übernahm sein Sohn Hasan die Führung der Ali-Anhänger, musste sich aber dem Kalifen Muawiya beugen und verzichtete ganz offizell auf den Anspruch der Gesamtführung der moslemischen Gemeinde. Nach dem Tod des Kalifen Muawiya wurde sein Sohn Yazid zum Kalifen gekürt, damit erstmals ein Mann, der Mohamad nicht mehr persönlich kannte. Jetzt gab es ein nochmaliges Aufgebahren der Anhänger Alis. Die Anhänger Alis in Kufra, dem Sitz des Kalifen, sandten eine Delegation nach Medina zu al-Hussain, der seinem Bruder Hasan als Oberhaupt (Imam) der Ali-Anhänger folgte. Die Botschaft war, sofort nach Kufra zu kommen, denn es sei ein günstiger Zeitpunkt ,den dortigen Kalifen zu stürzen.

Al-Hussain folgte dieser Aufforderung und machte sich mit einer kleinen Gruppe von Familienmitgliedern und Getreuen auf den Weg nach Kufra. In Kerbala kurz vor Kufra wurde er aber von einem übermächtigen Heer des Kalifen gestoppt und bis auf wenige Überlebende, darunter der Sohn al-Hussain, vernichtet.

Das Entscheidende bei diesem Ereignis war, dass kein einziger Anhänger Alis, die al-Hussain aufgefordert hatten nach Kufra zu kommen, ihm und seinem Gefolge zu Hilfe gekommen sind. Tage später ergriffen die Anhänger Alis dermaßen starke Schuldgefühle, dass sie zum kollektiven Selbsmord aufriefen. Sie besannen sich aber und beschränkten den Selbstmord auf den Tod im Kampf. Der Feind auf dem Schlachtfeld sollte das Sühneopfer vollstrecken. So zogen sie denn auch vier Jahre nach den Geschehnissen bei Kerbala aus und wurden auf dem Weg nach Syrien vernichtend geschlagen. Die wenigen Überlebenden aber waren voller Scham.

Diese Scham und das Bedürfnis auf Buße wurde zur Grundlage der Schiitisch Islamischen Glaubensgemeinschaft. Es bildeten sich Bruderschaften, welche die Geschehnisse von Kerbala in Passionsspielen jährlich wiederholen. Es ist der 10. Tag (Aschura) des ersten Monats des islamischen Kalenders (al Muharram), an dem als Höhepunkt einer 10tägigen Trauerperiode der Tod von al-Hussain bei Kerbala nachgespielt wird.

Exkursion, Hintergrund und Bild: J. Buettner
Text: Birgit Funk

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